Wahlfach Japanisch seit 20 Jahren mit Atsuto Betsui

Kam der Onkel, der in Bonn als Neurologe arbeitete, zu Besuch in seine japanische Heimat, brachte er gerne deutsche Münzen mit. Die faszinierten Atsuto Betsui – und ließen sein Interesse an Deutschland erwachen. Nach seinem BWL-Studium an der Meiji-Universität in Tokio zog Betsui in das Land, von dem ihm sein Onkel so viel erzählt hat. Seit 1995 lebt der 46-Jährige in Würzburg. Vor genau 20 Jahren begann er, Schülern des Siebold-Gymnasiums Japanisch beizubringen.

An jedem Freitagnachmittag kommen Jugendliche aus verschiedenen Würzburger Schulen im Siebold-Gymnasiums zusammen, um miteinander Japanisch zu lernen. Aktuell nehmen 17 Schüler an dem Wahlfachkurs teil. Die heutige Stunde beginnt mit Zungenbrecher-Übungen: „Aomakigami, akamakikami, kimakigami.“ Im Raum summt es, denn jeder murmelt die Worte erst mal vor sich hin. „Ein blaues Rollpapier, ein rotes Rollpapier, ein gelbes Rollpapier…..“
Dann spricht Tommy den Satz laut vor. Alle müssen lachen, denn natürlich verhaspelt er sich. Und das war erst der Anfang. Die anderen Sätze auf dem Übungsblatt sind wesentlich kniffeliger: „Take tate kaketakatta kara, take tate kaketa…“ Tommys Bruder Ben versucht sich hieran. „Zu langsam!“, schmunzelt Betsui. Ben drückt auf die Tube. Verspricht sich dauernd. Und sorgt für weitere Lacher.

„Die Stunden sollen Spaß machen“, sagt Betsui. Deswegen gibt es keinen starren Lehrplan, auch muss sich niemand ein Lehrbuch anschaffen. Betsui, der 2011 einen umfangreichen „Grundwortschatz Japanisch“ veröffentlicht hat, bringt allerdings jedes Mal spannende Arbeitsblätter mit. Im Übrigen geht es nicht nur darum, Vokabeln und Grammatik zu pauken. Die Schüler sollen möglichst viel von Japan erfahren. Deshalb gibt es zu Beginn jeder Doppelstunde einen „Fragenblock“: Die Schüler dürfen alles fragen, was sie über Japan wissen möchten.

Heute interessiert sie das religiöse Leben. „Haben Sie ein Symbol, so wie wir das Kreuz?“, will Berkay aus der achten Klasse wissen. Betsui greift zur Kreide und zeichnet das Symbol eines Shinto-Schreins an die Tafel. „Und wie ist es mit religiösen Figuren? Gibt es das?“, fragt Siebtklässler Ben. Der Shintoismus, erfährt er von Betsui, ist völlig anders als die christliche Religion. Es gibt Gottheiten: „Aber letztlich ist die ganze Natur heilig.“ Also Bäume. Tiere. Sogar Felsen.
Dass selbst in stressigen G8-Zeiten noch so viele Schüler freiwillig eine derart schwere Sprache wie Japanisch lernen wollen, mag erstaunen. Doch die weit verbreitete, moderne Kultur Japans sorgt für ein lebhaftes Interesse junger Leute am Land der aufgehenden Sonne. Viele lieben Anime. Die japanischen Animationsfilme sind auch für Anika der Grund, sich an jedem Freitagnachmittag von der Maria-Ward-Realschule auf den Weg zum Siebold-Gymnasium zu machen. Auch Beykals Motivation sind die Animes: „Ich möchte einmal einen Anime-Film auf Japanisch sehen können.“

Ben und Tommy haben noch einen weiteren Grund: „Wir fliegen in den Pfingstferien nach Japan.“ Ihr Vater hat beruflich öfter in Japan zu tun. So, wie Atsuto Betsuis Onkel seinem Neffen Pfennigstücke aus Deutschland mitgebracht hat, erhalten Ben und Tommy von ihrem Vater exotische Süßigkeiten aus dem fernöstlichen Land. „Zum Beispiel Gummibärchen in Form von Kämpfern“, erzählt Ben.

Für die beiden Teenager ist Japan ein faszinierendes Land. Vieles ist völlig anders als in Deutschland. Gerade auch in puncto Schule. Japanische Kinder lernen in der Regel bis um 15 Uhr, hat Ben von Betsui erfahren: „Danach müssen sie ihr Schulhaus putzen, auch die Toiletten und Gänge.“ Merkwürdig ist weiter, dass die jüngeren Schüler aus der Mittelstufe „Sie“ zu den Schülern aus der Oberstufe sagen müssen. Ein einziges Jahr, bestätigt Betsui, macht den Unterschied: „Wer ein Jahr jünger ist, sagt ’Sie’ zu dem Älteren, während der ‚Du’ sagen darf.“

Wie intensiv jeder einzelne lernt, bleibt ihm überlassen. Hausaufgaben gibt es nicht. Allerdings teilt Betsui zu Beginn eines jeden Schuljahres Vokabelblätter aus, auf denen wichtige Wörter stehen, die nicht allzu schwer zu lernen sind. „Ich mag Hunde, deshalb konnte ich mir sofort merken, dass ‚Hund’ auf Japanisch ‚inu’ heißt“, sagt Ben. Seinem Bruder haben es Löwen angetan. In Japan nennt man den König der Tiere „shishi“.

Auch wenn nicht verbissen gepaukt wird, bleibt im Laufe der Zeit viel bei den Schülern hängen. Von den schätzungsweise 300 Jugendlichen, denen Atsuto Betsui seit 1998 Japanisch beigebracht hat, hatten einige sogar begonnen, Japanisch zu studieren. „Von anderen weiß ich, dass sie heute in Japan leben“, freut sich der Japanischlehrer.

Was Ben und Tommy, Berkay und Anika alles gelernt haben, werden sie zum Schuljahresende beim „Sprachenfest“ des Siebold-Gymnasiums präsentieren. Doch bis dahin ist noch viel Zeit, mehr zu lernen. Noch beherrschen die meisten Kursteilnehmer nur einzelne Vokabeln. Eine richtige Unterhaltung ist kaum möglich. Bis Berkay einen Anime-Film verstehen kann, wird sicher noch zwei Jahre dauern. Noch viel länger bräuchte es, bis die Schüler imstande wären, eine japanische Zeitung zu lesen. Betsui: „Dafür müssen 2.800 Schriftzeichen beherrscht werden.“ Was man auch in Japan meist erst mit 18 Jahren kann.

Pat Christ